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Mecklenburg - Vorpommern - Usedom - Peenemünde (eh. Heeresversuchsanstalt 1936-45)
Mecklenburg - Vorpommern - Usedom - Peenemünde (eh. Heeresversuchsanstalt 1936-45)
DAGLI BRUGSEN went on an adventure
August 30, 2026 at 11:15
01:15
46.7km
37.3km/h
220m
210m
Eine Zugfahrt von einem Ende Usedoms zum anderen ist eine entspannte Möglichkeit, die Insel in ihrer Länge (ca 45 km) auf sich wirken zu lassen. Ohne Stau und Parkplatzsuche. Ich starte am Bahnhof Seebad Ahlbeck, aus Versehen erst in die falsche Richtung und lande in Polen. Es geht jedoch gleich wieder zurück.
Die eigentliche Fahrt (Dauer 1 gute Stunde) führt vorbei an den historischen Bahnhofsgebäuden der klassischen Bäderarchitektur. Nach einem Bahnsteigwechsel in Zinnowitz erreiche ich den Norden der Insel. Vom kleinen Bahnhof Peenemünde aus kann man zu Fuß zum Museum laufen.
Für Peenemünde sollte man sich einen ganzen Tag Zeit einplanen, um die riesige Anlage und die Ausstellungen in Ruhe zu erkunden.
Die Wahl des Standorts auf der abgelegenen Landzunge des Peenemünder Hakens erfolgt ab 1936 gezielt: Die isolierte Küstenlage bietet damals ideale Voraussetzungen für ein streng geheimes Projekt, und die Freiflächen über der Ostsee erlauben es, Flugkörper risikofrei zu testen. Laut einer Anekdote soll die Mutter von Wernher von Braun den Tipp geben, da der Ort aus der Luft schwer auszumachen ist.
Vor Ort ist von den riesigen Anlagen, die damals im Eiltempo aus dem Boden gestampft werden, heute nicht mehr viel übrig geblieben – allen voran steht noch das Kraftwerk. Eine riesige Heerschar von Menschen arbeitet hier an der Entwicklung der Raketentechnik. Die Kehrseite dieser Entwicklung ist jedoch verheerend: Die Massenproduktion der Aggregat-4-Raketen (V2) erfolgt unter menschenverachtenden Bedingungen durch KZ-Häftlinge im Lager Mittelbau-Dora, und rund 3.200 Ziele werden mit diesen Waffen bombardiert.
Mir war bis heute nicht klar, dass in Peenemünde am 3. Oktober 1942 Weltraumgeschichte geschrieben wird. Eine Testrakete erreicht eine Höhe von gut 84 Kilometern und durchstößt als erstes von Menschen geschaffenes Objekt die Grenze zum Weltraum.
Vor 1936 ist Peenemünde ein völlig abgeschiedenes, Fischerdorf. Für den Bau der Heeresversuchsanstalt wird die gesamte Dorfbevölkerung zwangsumgesiedelt und die Gegend komplett von der Landkarte gestrichen.
Das Gelände ist damals so riesig, dass es als autarke Hochtechnologie-Stadt funktioniert – inklusive eigenem Werkseisenbahnnetz mit elektrischen Schnellbahn-Triebwagen und dem damals modernsten Kohlekraftwerk Europas.
Nach 1945 bleibt das Areal jahrzehntelang militärisches Sperrgebiet. Die NVA nutzt Peenemünde als Marine- und Flugplatzstützpunkt, weshalb die ruinenhaften Überreste der Nazi-Zeit über Jahrzehnte im Wald überdauern.
Beklemmend ist die Geschichte der Wissenschaftler nach 1945. Das vor Ort entwickelte Know-how ist unter den Siegermächten begehrt. Während einige Ingenieure im Rahmen von Geheimoperationen in die USA (wie Wernher von Braun), nach England oder Frankreich geholt werden, um dort die Raumfahrt- und Rüstungsprogramme aufzubauen, werden bei der „Aktion Ossawakim“ 1946 über 2.000 deutsche Spezialisten und ihre Familien schlagartig in die Sowjetunion deportiert. Die Fotos aus dieser Zeit erinnern an Gulag-Bedingungen.
Eine absolut empfehlenswerte Tour für einen wetterunabhängigen Ausflug auf Usedom. Die Kombination aus entspannter Zugfahrt durch die Natur und der Auseinandersetzung mit der Geschichte der Raketenwissenschaft macht diesen Tag besonders. Ich habe heute viel über unsere Geschichte gelernt und verstehe um so weniger, dass man scheinbar doch so gar nichts daraus gelernt hat.
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