
Have your own adventure with the #1 outdoor app today.
Gutermann went for a hike
June 30, 2026
07:09
39.2km
5.5km/h
240m
240m
Darf es wieder ein bisschen Bahn-Desaster sein? Ich sehe doch eure hoch erhobenen Hände! Ha, ha.
Anfangen werde ich aber mit meinem Plan.
Der ursprüngliche Gedanke war, den Wesenitz-Flusswanderweg fortzusetzen, doch das Wetter war mir zu nass. Überhaupt war in weiten Teilen Sachsens ein Regenband zu sehen. Deswegen entschied ich mich, in Richtung Thüringen, genauer gesagt nach Nordhausen und dann zur Gedenkstätte Mittelbau-Dora zu wandern.
Wie viel Zeit ich im Museum verbringen wollte, war ungewiss. Es sollte eine Mischung zwischen Natur und Zeitgeschichte werden.
Wäre nicht das Bahn-Gesellschaftsspiel „Wir wissen auch nicht genau, wo Züge halten“ dazwischengekommen.
Ich stand am Hallenser Hauptbahnhof und wartete auf meinen Zug nach Kassel-Wilhelmshöhe, Abfahrtszeit 10:04 Uhr. Auf der Anzeigetafel las ich, dass man den ursprünglichen Halt meines Zuges kurzfristig nach Halle-Angersdorf verlegt hatte. Nicht nur ich schaute verdutzt, sondern auch zahlreiche andere Fahrgäste. Wie sollten wir das in einer Zeitvorgabe von zehn Minuten schaffen? Zumal die App einen reibungslosen Fahrplan anzeigte.
Okay, Haken dran. Der nachfolgende Zug, eine Stunde später, sollte laut Anzeigetafel pünktlich von hier starten. Ich war ungläubig und ging sicherheitshalber zum Infostand. Meine Vermutung bewahrheitete sich. Die Dame von der Auskunft sagte mir: „Die Störung ist langfristig anzusehen. Fahren Sie lieber mit dem Bus zur Ersatzhaltestelle Angersdorf.“
Da ich mittlerweile der unfreiwillige Reiseleiter war, nahm ich meine „Kunden“ mit zum Bus 320. Etwa 15 Menschen standen nun mit mir am „Vorkriegsbahnhof“ (so sah er zumindest aus) und warteten und warteten und warteten.
Keine Durchsage, kein Hinweis auf den RE8. Ich schaute immer wieder in meine App, und was sehe ich nach unzähligen Aktualisierungen? Der Bahnhof wurde wieder geändert. Diesmal nach Röblingen am See – fünf Halte weiter Richtung Kassel.
Nun war bei mir der Ofen aus. Ich gab noch schnell die Situation samt Alternativen bekannt und verabschiedete mich. Ich lief zurück zur Bushaltestelle und fuhr nach Bad Lauchstädt, um von dort romantisch schön nach Hause zu laufen.
Übrigens kam mit dem ankommenden Bus der nächste Schwung Reisender. Ich versichere euch: Auf der digitalen Anzeigetafel standen nur ausgefallene Züge, zum Beispiel die S7.
Mir war das ab jetzt egal (so richtig zu dem Zeitpunkt noch nicht ganz – ich übe noch).
Ich konzentrierte mich auf das Goethe-Theater und den wunderschön angelegten Park in Bad Lauchstädt – schon einmal vorab im Kopf.
Ich stieg unmittelbar am Markt aus und schaute in Google Maps und Komoot nach Wanderwegen, die mich nach Kleinliebenau bringen. Im Kopf hatte ich, über Schkopau oder Merseburg und dann über den Raßnitzer und Wallendorfer See nach Schkeuditz zu laufen. Mir fiel nämlich noch ein: Mensch, dein Auto steht doch am Bahnhof Schkeuditz.
So richtig schöne Routen sah ich nicht. Dafür traf ich eine Frau mit Fahrrad, der ich zutraute, mir eventuell einen – nennen wir es mal salopp – „Geheimtipp“ zu geben. So naiv war meine Anfrage gar nicht, denn sie erklärte mir sehr ausführlich, über welche Dörfer und Naturwege ich laufen könnte. Das Wandergerüst war damit im Sack. Meine Laune war wieder ganz oben. 40 Kilometer könnten es werden. Passt – es ist lange hell draußen.
Die Wanderexpertin sprach so schnell und so viel, dass ich sofort den Überblick verlor. In etwa klang das so: „Laufen Sie an der Hauptstraße ein paar Meter entlang, dann rechts an der Gartenkolonie weiter – kein Verkehr. An der nächsten Ampel links und dann wieder rechts. Nee, besser an der zweiten Ampel. Dann den Trampelpfad nicht verpassen ...“ und so weiter.
Mir brummte der Schädel. Was? Wo lang? Ich machte mir schnell ein paar Screenshots von den genannten Dörfern. Die Verbindungen würde ich schon nach und nach finden.
Aber nun in die Spur. Mein Weg führte mich durch Klein Lauchstädt und zu dem genannten Gartenverein. Das hatte ich mir gemerkt, den entdeckte ich sofort. Aufgefallen ist mir, dass die meisten Gärten regelrecht verwahrlost waren. Meterhohes Gras, viele Parzellen ungenutzt. Schade eigentlich.
Das erste Dorf, das ich erreichte, war Milzau, danach ging es weiter nach Netzschkau. Nett anzusehen, mehr aber auch nicht.
Auf meiner Dorf-Perlenkette gab es der Reihenfolge nach Bündorf und Knapendorf. Oft steckt eben „Dorf“ im Namen. Das Schloss Bündorf möchte ich als Hingucker hervorheben. Leider war der Zugang für Unbefugte gesperrt. Das machten zwei Schilder überdeutlich. Dann eben nur ein Bild aus der Ferne.
Ebenso die alte Kirche im Ort. Ich stand davor und überlegte, wie ich das monumentale Gemäuer richtig gut fotografieren könnte. Da sprach mich eine Frau vom Nachbargrundstück an und sagte: „Ich kann nicht helfen, mein Zucker ist im Keller und der Hund hat heute Durchfall. Gestern aber nicht.“ RTL2 hätte dafür einen Hunderter gegeben.
So lief ich von Dorf zu Dorf, und dazwischen war manchmal nur Feld, das als Klebstoff agierte.
Ich empfand meinen Tag als sehr schön. War meine Erwartung am Morgen auch eine andere, so konnte ich mich mit der momentanen Situation sehr gut anfreunden.
Bevor ich aus der Ferne schon die große Stadt Merseburg sah, kam mir eine Horde Jugendlicher auf sogenannten Dirtbikes oder Cross Bikes entgegen. Mir war sofort klar: nicht zugelassen. Aber den Typen sah man ihre Freude an, und ich schaute wohl so interessiert, dass sie vor mir während der Fahrt das Vorderrad anhoben und mir zuwinkten, als wären wir alte Freunde. Ich war kurz davor, den Rentner herauszukehren. Dann dachte ich aber schnell: Alter, du warst auch mal jung. Insgeheim hätte ich wahrscheinlich auch so ein Ding.
Nun war ich endgültig im urbanen Raum. Freiimfelde hieß der Ortsteil von Halle, und ich hatte ein Problem. Ich musste die Thomas-Müntzer-Straße überqueren. Die sah aus wie eine Autobahn, mit einer Barriere in der Mitte, die beide Fahrspuren voneinander trennte.
Also wartete ich, bis nur noch Autos am Horizont zu sehen waren, und überquerte die Straße. Über die metallenen Profile musste ich erst mühsam klettern, und natürlich musste irgendein Autofahrer hupen.
Ich bahnte mir meinen Weg nach Merseburg. Ich freute mich, dass ich an der Saale noch ein Stück laufen konnte. Nun heißt es Abschied nehmen von der geliebten Saale. Ich überquerte die Brücke am Merseburger Pilgerquartier, auch Neumarktkirche genannt.
Ab jetzt brauchte ich keine digitale Karte mehr. Ab hier kannte ich die Gegend wie meine Westentasche.
Ich wollte nicht den üblichen Pilgerweg nehmen, sondern später an der Weißen Elster entlanglaufen. Das heißt, den Raßnitzer und Wallendorfer See werde ich trotzdem passieren, aber von einer anderen Seite. Google wollte das zwar nicht, aber wer ist schon Google?
Bevor ich aber den Wallendorfer See bei Lössen sah, lief ich einen für viele Menschen unbekannten Weg. Da war das Gras so hoch, dass es mir bis an die Oberarme reichte. Das war wieder ein Stückchen Abenteuer.
In Lössen endet die alte Schiene, die vermutlich zum Tagebau Merseburg-Ost gehörte. Mir gefällt es immer wieder, in Geschichte einzutauchen. Vor allem in die DDR-Vergangenheit – da komme ich doch her. Damit wir uns richtig verstehen: Ich lebe und liebe das Jetzt und Hier. Meine Wurzeln will ich aber nicht leugnen.
Also kann man sagen: Ich lief durch das ehemalige Braunkohlerevier. Wenn ich das so schreibe, sehe ich die Seenlandschaft in einem ganz anderen Licht.
Ein Blick auf die Uhr, und ich frage mich: Habe ich noch Zeit, wenigstens die Beine ins kühle Wasser zu stecken? Wenn ich um 22 Uhr am Bahnhof wäre, so meine Rechnung, wäre das möglich.
Mit diesem Gedanken im Kopf lief ich an den bekannten Teil des Wallendorfer Sees, dort, wo auch ein Holzturm steht. Dort tummelten sich viele Badefreudige, und ich nun mittendrin. Das war eine Wohltat für Geist, Seele und Körper.
Jetzt heißt es Abschied nehmen von den Badeseen, denn mein Weg führt – und das sind nur ein paar Schritte – zur Weißen Elster.
Ich bin nun in Raßnitz und werde dem Flusslauf bis fast nach Schkeuditz folgen. Ohne dass ich es mitbekomme, werde ich an Weßmar und Oberthau vorbeimarschieren.
Meine kleine Reise auf zwei Beinen neigt sich dem Ende entgegen. Ich verlasse die Weiße Elster und komme in Wehlitz an. Dort hat der Supermarkt Rewe noch bis 22 Uhr geöffnet, und ich freue mich auf ein relativ kühles Jever Fun. In meinem Trinksack ist das letzte Wasser mittlerweile unangenehm warm.
Wehlitz liegt kurz vor der Kernstadt Schkeuditz – so nennen das die Schkeuditzer. Dort befindet sich auch der Bahnhof. 20 bis 25 Minuten später – ich habe nicht auf die Uhr geschaut – bin ich da. Und dort steht er: mein kleines rotes Auto und wartet auf mich.
40 Kilometer hatte ich grob zusammengerechnet, und ich habe fast eine Punktlandung hingelegt.
Zufrieden, glücklich mit mir, aber auch nach Schweiß riechend fahre ich mit geöffneten Scheiben nach Hause.
Auf ein neues Abend(tages)teuer.
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