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HelmutP went mountain biking
December 31, 2025
18:28
234km
12.6km/h
34.7km/h
740m
700m
Der Wecker klingelt. Es ist Vier Uhr am letzten Tag des Jahres und ich habe mir vorgenommen, meine Jahresabschlusstour in diesem Jahr etwas auszudehnen. Ich will an die Ostsee nach Travemünde. Und zurück, um mit der Familie ins neue Jahr zu feiern. Ich habe mir ausgerechnet, dass ich um Fünf Uhr los muss, wenn ich so gegen ZweiUndZwanzig Uhr wieder zurück sein will. Also los.
Als ich um FünfUhrZehn das Rad vom Hof schieben will, fängt es an zu regnen. Also Stopp. Regenhose und Überschuhe herauskamen und anziehen. Als ich endlich losfahre, habe ich schon eine halbe Stunde verloren.
Mein KZVM (KomfortZonenVerlassenMonitor) steht ziemlich weit im roten Bereich. Erstens bin ich Langschläfer. Dann ist da eine Abneigung gegen Kälte – alles unter Fünf Grad Plus ist für mich nur schwer tolerierbar. Und heute Morgen zeigte das Thermometer MinusNullKommaAcht Grad an!!! Dazu kommt Regen, Schnee und Glätte… Aber es ist nun mal der letzte Tag im Jahr und traditionell mache ich da eine Jahresabschlusstour. Meist so um die Einhunder Kilometer – heute wird es aber deutlich mehr.
Der Weihnachtsmann (besser gesagt die Weihnachtsfrau) hat mir auch wieder eine Menge Dinge unter den Baum gelegt, die getestet werden wollen:
- Da ist zunächst eine Radhose von Assos. Die musste her, weil sich bei allen meine Gonso-Hosen mit SQLab-Polster genau dieses Polster zerlegt hat. Schade, denn ich bin sehr gut damit zurecht gekommen. Amazon hat aber tatsächlich den vollen Preis erstattet – eine Geschichte für sich. Die Assos Sitzcreme gab es auch noch dazu – was kann da schief gehen.
- Für die Frontbeleuchtung gab es eine Magicshine EVO 1300. Endlich eine Lampe, die ich während des Betriebs mit einer Powerbank betreiben kann. Außerdem hat sie eine Fernbedienung und ein Fernlicht. Sehr schick. Da verschmerze ich mal, dass sie keine StVZO-Zulassung hat. Eine klare Hell-Dunkel-Grenze hat sie und blendet somit nicht.
- Und schließlich sind da noch elektrisch beheizte Socken. Was mich bei denen überzeugt hat ist, dass sie mit einer Fernbedienung kommen, mit der die Heizstufe geschaltet werden kann. Oder auch komplett aus. Für Mehrtagestouren ist das nichts, aber mal schnell zum Einkaufen schon gut. Mal sehen, wie sich die Socken schlagen. Elektrisch beheizte Handschuhe sind ja schon vom letzten Jahr an Board. Und zur Sicherheit gibt es auch ein paar Heatpacks in der Tasche.
Von der Frontlampe bin ich sofort begeistert. Der Lichtkegel ist soviel besser als der meiner Lezyne-Lampe. Die hat zwar eine StVZO-Zulassung, blendet aber trotzdem, wenn man sie so einstellt, dass man auch etwas sehen kann.
Die Socken und Handschuhe verbreiten eine angenehme Wärme und das Regen/Schnee Gemisch von oben ist nach einer Weile egal. Naja, nicht ganz, denn auf dem Elberadweg nach Geesthacht bildet sich eine Schneedecke. Die Reifen rutschen aber nicht. Fast nicht!
Der Radweg auf der rechten Seite Brücke über die Elbe ist gesperrt. Wie – der ist doch noch gar nicht so lange offen. Na gut, dann eben auf der linken Seite rüber.
Den Hinweg habe ich als „Graveltour“ geplant. Bis zur Zwölf Prozent Steigung von Escheburg nach Fahrenholz kenne ich den Weg. Jetzt geht es hier aber links in den Wald. Und da die Steigung auch im Wald überwunden werden muss, geht es also erst mal ordentlich hoch. Und dann lange durch den Sachsenwald. Es ist natürlich stockdunkel und ich sehe nur, was der Scheinwerfer beleuchtet. Manchmal schalte ich die Helmlampe dazu, um die Kurven besser einsehen zu können. Der Untergrund ist gefroren und ausgefahren. Schnell komme ich hier nicht voran. Selbst wenn es bergab geht, lasse ich das Rad nicht einfach rollen. So gegen Acht Uhr wird es langsam hell. Ein wahrer Lichtblick. Als ich den Wald verlasse, merke ich auch, dass er wärmer geworden ist. Der Schneeregen ist jetzt zum Regen mutiert und auf den Straßen bilden sich Pfützen. Eine besonders große hat sich direkt hinter der Überführung der A24 gebildet. Ich bin auf dem Radweg und hinter mir kommt ein PKW auf der Straße heran. Und ohne auch nur im geringsten die Geschwindigkeit zu reduzieren fährt der durch diesen kleinen See und sorgt damit für eine Zusatzdusche für mich und mein Rad. Danke! Was es doch für nette Zeitgenossen gibt.
Hinter Basthorst wäre die Strecke eigentlich weiter durch den Wald gegangen. Ich habe aber nach Mühlenrade umgeplant. Hier gibt es einen Hofladen, den ich im Frühjahr entdeckt hatte, als ich eine Tour von Silke mit Freundin zum „Brandschatz“ nachgefahren bin. Seither war ich noch einmal hier und eine Pause kann ich jetzt auch gut gebrauchen. Es gibt Kakao (mit Zartbitterschokolade – kann man hier wählen), ein Baguette (Tomate/Morzarella) und ein Stück Kuchen.
Draußen hat es aufgehört zu regnen. Ich habe die Regensachen ausgezogen, ziehe sie aber doch wieder an, denn so richtig traue ich dem dunkeln Himmel nicht.
Hinter Köthel geht es wieder in den Wald. Mit Tageslicht ist das gleich viel angenehmer. Jetzt kann es eigentlich auch nicht mehr weit bis zum Elbe-Lübeck-Kanal sein.
Am Kanal entlang fahren ist immer ein wenig langweilig. Schnurgerade, rechts der immer gleiche Kanal, links Feld oder Wald. Unter mir Kies. Dieser Kies ist jetzt durch den Regen aufgeweicht und verteilt sich über mich und mein Rad. Als die Sonne tatsächlich herauskommt, überlege ich die Radhose und Überschuhe auszuziehen. Aber da ist soviel Weg drauf, dass ich beschließe, sie als Spritzschutz anzulassen.
Für mich wird die Fahrt am Kanal noch einmal ein wenig interessanter, als ich feststelle, dass mein linkes Pedal irgendwie keinen idealen Kreis mehr beschreibt. Ich schaue mir das an: Ja, die Kurbel hat sich mal wieder vom Tretlager entfernt. Eigentlich ist da eine Schraube, deren einzige Aufgabe es ist, das zu verhindern. Aber diese Schraube strebt wohl nach Freiheit und hat sich schon einige Umdrehungen in diese Richtung bewegt. Jetzt wird sie von mir und meinem Multitool gnadenlos wieder in ihre Arbeitsposition befördert. Solche Auflösungserscheinungen kann ich einfach nicht dulden.
Lübeck kündigt sich dadurch an, dass plötzlich mehr Menschen – meist mit Hunden – auf dem Weg sind. Ein Paar macht mir Platz und stellt sich rechts und links vom Weg auf. Ich bremse auf unter Schrittgeschwindigkeit ab. „Fahren Sie nur“, sagt die Dame. Sie hat eine weiße Jacke an. Und die Pfütze zwischen den beiden würde das ändern, wenn ich da einfach durchrauschen würde. Sie sind mir dann doch dankbar, als ich das erkläre und wünschen mir überschwänglich eine gute Fahrt, einen guten Rutsch und ein frohes, neues Jahr. Das wünsche ich ihnen auch.
Die Wege werden jetzt schmaler sind voller Pfützen und an einigen Stellen reine Eisbahnen. Ich muss echt aufpassen, nicht wegzurutschen und in einer solchen Pfütze zu landen. Klappt aber alles und dann geht es sowieso durch die Stadt. Und schlagartig gehen mir die vielen Menschen und Autos auf die Nerven. Ich bin einfach kein Stadtmensch. Und froh, endlich neben der Bahn in Richtung Dänischburg zu fahren. Und von dort geht es wieder in den Wald. Anstrengend aber abseits vom Trubel.
Das ändert sich in Travemünde! Es ist voll am Hafen. Menschen über Menschen. Ohne diese hätte ich das Radfahrverbot auf der Mole zum Leuchtturm auch übersehen, aber so steige ich ab und schiebe. Und dann bin ich da. Ziel erreicht. Leuchtturm. In mir kommt die Erinnerung an unseren „Tanz in den Mai“ im Frühjahr hoch. Auch da ging es zu einem Leuchtturm – in Warnemünde. Zusammen mit Maik und Volker und – was es noch viel Besonderer gemacht hat – mit Alfhilde, die uns ein Stück begleitet hatte. Sie wandert ja gern und sammelt Stempel – vielleicht sollte ich Leuchttürme sammeln?
Ich stelle mich an die Mole und krame eine kleine Flasche Sekt und ein paar Schokis hervor. Guten Rutsch Euch allen und ein Frohes Neues Jahr!
Ich komme mit einer Familie ins Gespräch, die wissen wollen, wo ich herkomme. Wohl auch, weil ich so verdreckt aussehe. Sie wollen gar nicht glauben, was ich erzähle und als ich sage, dass ich jetzt schnell wieder zurück muss – noch weniger. Der Mann beäugt fachmännisch mein Rad und ist ein ganz kleines bisschen enttäuscht, als sich die vermeintlichen Akkus als Taschen herausstellen. Nein, kein eBike. Die Frau bietet an, ein Foto von mir zu machen. OK. Dann verabschiede ich mich. Ich bin schon deutlich hinter meinem Zeitplan zurück. Die Rückfahrt habe ich allerdings als „Fahrradtour“ geplant. Sollte als schneller und leichter sein.
Und tatsächlich geht es jetzt auf der Straße nach Lübeck zurück. Dort muss ich allerdings ein wenig suchen, weil eine Brücke gesperrt ist. Und dunkel wird es jetzt langsam auch. Und um mich herum ist der „Krieg“ ausgebrochen. Überall werden Feuerwerkskörper gezündet. Besonders gern unter Brücken oder Unterführungen. Knallt lauter! Ich bin ganz froh, wieder am Kanal zu sein. Unter eine Brücke mache ich kurz Pause, esse und trinke und lockere die Muskulatur. Mir ist schon klar, dass ich es bis ZweiUndZwanzig Uhr nicht bis nach Hause schaffen werde. Aber DreiUndZwanzig Uhr sollte möglich sein. Das ist ja auch noch vor Neujahr.
Es geht jetzt wieder ewig am Kanal entlang. Zu sehen ist nicht viel. Nur ab und zu mal eine Brücke oder eine Schleuse. Ich registriere die Stelle, wo ich auf der Hinfahrt auf den Kanal gestoßen bin. Jetzt geht es hier noch weiter, an Mölln vorbei bis nach Grambek. Und dann geht es wieder in den Wald. Ich hätte gern mehr Asphalt, aber mein Wunsch wird nicht erhört. Statt dessen geht es hinter der A24 auf wenig benutzen Waldwegen weiter. Die sind im Scheinwerferlicht nicht so leicht zu sehen, weil überall Laub liegt. Und ich muss recht viel Totholz umfahren. Meine Hoffnung auf einen schnellen Rückweg wird hier echt torpediert. Ab Elmenhost geht es an der Bundesstraße entlang nach Schwarzenbek. Normaler Weise wäre das nicht so mein Ding, aber Heute ist das schon in Ordnung. Wenn nur diese vielen dunkel gekleideten Leute nicht wären, die irgendwelche Feuerwerkskörper abbrennen.
In Schwarzenbek führt mich Komoot ein paar Straßen entlang, die ich so noch nie gefahren bin. Aber am Ende komme ich doch dort heraus, wo ich sonst auch aus Schwarzenbek herausfahren würde. Ein schöner, asphaltierter Radweg schlängelt sich durch den Wald neben der Straße. Zwei dunkel gekleidete Jugendliche tauchen im Scheinwerferlicht auf: „Bleiben Sie bitte stehen!“, ruft mir einer zu. Im nächsten Moment gibt es einen Blitz und ohrenbetäubenden Knall direkt auf dem Radweg. Ich bedanke mich für die Warnung und wünsche den beiden einen „Guten Rutsch“.
Jetzt kenne ich den Weg eigentlich. Dem Radweg nach Kollow folgen, dann nach Hamwarde und dann bin ich ja schon in Geesthacht. Aber Komoot hat andere Pläne. Klar, es geht in den Wald. Und in diesem Wald hat Schnee und Eis auf den Wegen teilweise überlebt. Ich muss vorsichtig fahren und die Konzentration trotz der langsam merkbaren körperlichen Anstrengungen hochhalten. Aus DreiUndZwanzig Uhr wird DreiUndZwanzigUhrDreißig.
Hamwarde! Endlich! Geesthacht – überwiegend bergab. Nur nicht zu leichtsinnig werden. An der Elbe. Jetzt ab zur Brücke. Eine Straßensperre sperrt die Straße. Das kann doch nicht wahr sein. OK, auf der anderen Straßenseite komme ich über den Fußweg weiter. „Radfahrer absteigen!“ – keine Chance!
Seit Elmshorn regnet es auch wieder. Erst nur ganz wenig, aber jetzt doch schon wieder deutlich. Mist! Ich müsste eigentlich auch was Essen, will aber nicht anhalten. Rauf auf die Brücke. Als ich oben bin spüre ich den Wind. Und der kommt, zusammen mit dem Regen, aus der Richtung, in die ich hinter der Brücke muss. Och nö. Aber es hilf nichts. Noch ZweiUndZwanzig Kilometer. Der Wind, den ich am Deich ankämpfen muss, kommt in Böen und bläst mir den Regen ins Gesicht. Es ist auch deutlich kälter geworden. Und mein Magen sagt: Iss was! Jetzt! Es gibt hier nichts, wo man sich unterstellen könnte. Also halte ich an und krame das Studentenfutter heraus. Zwei Handvoll davon verspeise ich, trinke noch mal ordentlich. So, jetzt halte ich nicht mehr an, bis ich zu Hause bin!
Manche Windböen erwischen mich so stark, dass sie mich fast anhalten. Ich schalte runter und mache mich auf dem Aerolenker so klein wie möglich. Den Kopf dabei oben zu behalten, strengt total an. Aber jetzt mit einer dieser Schranken zu kollidieren wäre ja auch suboptimal.
DreiUndZwanzig Uhr. Noch Zehn Kilometer. Das sollte doch kein Ding sein. Ich bezweifle selbst das jetzt. Es geht unglaublich langsam voran, während ich wirklich alles aus meinem Körper heraushole, was nach Zweihundert Kilometern noch geht. Ab Laßrönne geht es oben auf dem Deich entlang. Hier kann der Wind noch besser angreifen. Hoopte. DreiUndZwanzigUhrZwanzig und noch Sechs Kilometer. Der Weg nach Gerden führt über offenes Feld und der Wind kommt von rechts vorn. Alter – wieso kein Rückenwind!? Endlich erreiche ich den Windschatten der wenigen Häuser. Über die Bahnbrücke Ashausen. Noch ZweiEinhalb Kilometer. DreiUndZwanzigUhrDreißig. Vom Edeka-Parkplatz schallt laute Musik. Scheinbar wurden die Plexiglashäuschen für die Einkaufswagen zu einem Jugendtreff umfunktioniert. Gleich zu Hause. Die letzte lange Gerade. Selbst hier – Gegenwind.
DreiUndZwanzigUhrFünfzig – ich bin zu Hause. Schnell das Rad in die Garage, Lichter und GPS ausschalten und über den Keller ins Haus. Ich muss aus den nassen, verdrecken Klamotten raus. So, noch ein Bier geschnappt und nach oben.
DreiUndZwanzigUhrSiebenUndFünfzig: Ich betrete das Wohnzimmer und werde von Frau, Sohn und zwei Hunden begrüßt. „You made it!“ „We watched you the whole time. You where so slow at the Elbe“… Dann kommt das neue Jahr über uns.
Ich erzähle, was ich erlebt habe. Wir schauen uns noch das Feuerwerk in London an. Gegen Zwei Uhr falle ich ins Bett.
Um Vier Uhr klingel der Wecker. Oh...
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